Preiser BSIN02188300

Qualtinger, Helmut / Bronner, Gerhard - Travniceks Gesammelte Werke

Composer: Gerhard Bronner

In den Fünfzigerjahren machte die Familie Qualtinger gelegentlich Urlaub in Jugoslawien, wobei man sich einmal, via Adria zu Schiff weiter nach Süden begab.
Auf dieser Küstenfahrt fand ein wichtiges literarisches Ereignis statt, von dem damals allerdings niemand wußte, daß es eines war. Man kam, wie das so ist, mit anderen Reisenden ins Gespräch, unter denen es auch Österreicher gab - Wiener, die es im Ausland häufig drängt, ihre Sorgen und Befürchtungen mit Landsleuten zu teilen - eine eu-phemistische Umschreibung jener Tätigkeit, die man im Inland schlicht als "Raunzen" bezeichnet. Ein Herr tat sich dabei hervor, freilich ohne dadurch aufzufallen: Er beklagte sich über das fremdartige Essen, belegte es mit verächt-lichen Bezeichnun¬gen, gab seiner Sehnsucht nach kalten Wiener Schnitzeln mit Erdäpfelsalat Ausdruck und war im Allgemeinen von der Tatsache negativ beeindruckt, daß die Einheimischen im Ausland Ausländer zu sein pflegen.
Als ich mich nach Qualtingers Rückkehr wieder mit ihm in Wien traf, erzählte er von seinem Urlaub und so auch von jenem Herrn, er berichtete nicht nur von ihm, er kopierte ihn auch und improvisierte einige seiner Dialoge, auf die wir, während der nächsten Tage, immer wieder in Zitaten Bezug nahmen. Da wir gemeinsam an dem nächsten Programm arbeiteten, ergab es sich, daß wir häufig auch eine Mahlzeit zusammen einnahmen, wobei ich einmal, bei dem Studium der Speisekarte, das Wort "Cevapcici" las, den Namen eines jugoslawischen Gerichtes, das im We-sentlichen aus kleinen Würsteln besteht. Damals kommentierte Qualtinger im Tonfall seiner Urlaubsbekanntschaft:
"Cevapcici ... Hundstrümmerln ... (Synonym für Hundewürstchen), was brauch i des? ... " Wir sahen uns plötzlich frappiert an und ich glaube, damals war uns klar geworden, daß diese Figur eines Reisenden, der noch, keinen Na-men hatte, doch mehr sein konnte, als nur eine amüsante Erinnerung an ein paar Reisetage. Der "Travnicek" war geboren.
Man hat versucht, ihn einer Kategorie einzuordnen und ihn dabei oft als einen Vorläufer des "Herrn Karl" bezeich-net. Aber der Travnicek steht auf der sozialen Stufenleiter um einige Sprossen höher, als der Herr Karl und auf der intelektuellen um einige niedriger. Das zeigt sich am deutlichsten da, wo er den Institutionen und Klischeevorstel-lungen des österreichischen Alltags konfrontiert wird, denen gegenüber er stets die gleiche Haltung dummdreister Besserwisserei und überheblicher Primitivität einnimmt. Der besondere Reiz dieser Perspektive ist die Entdeckung, wie oft er angesichts der irrationalen Verhältnisse der heimischen Umgebung damit recht behält.
Carl Merz
12 Tracks.
Price: 16,90 EUR